
Es ist ein leicht verschneiter, eisiger Februarvormittag, als ich vor der hohen Mauer des Oldenburger Gefängnisses stehe, um dort gleich Christian Bogner zu besuchen. Seit 21 Jahren sperrt die Justiz ihn in Isolationstrakten weg. Vor einigen Wochen hatte ich ihn für Radio Dreyeckland interviewen können. Heute wollen wir uns mal von Angesicht zu Angesicht unterhalten.
Die JVA Oldenburg
Es handelt sich um eine seit 2001 betriebene Justizvollzugsanstalt (JVA) höchster Sicherheitsstufe mit 437 Haftplätzen. Konzeptionell setzt sie auf Kleingruppenisolation und der Erschwerung der Kontaktaufnahme von Gefangenen verschiedener Trakte. Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne liegend, in einem städtischen Mischgebiet, also Wohn- und Gewerbegebiet, 130 Kilometer von der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover entfernt.
Der Eingangsbereich
Personalausweis abgeben, Jacke, Ringe, Uhr, selbst die Taschentücher sind einzuschließen. Dann sitze ich in dem ansonsten recht kahlen „Warteraum“ auf einem der kleinen Holzstühle und höre dem Lautsprecher zu, der in regelmäßigen Abständen ein Geräusch von sich gibt. Bislang habe ich Menschen nur hinter dickem Panzerglas gesehen, dazu dicke Stahltüren alle paar Meter.
Dann werde ich zur Kontrolle gebeten: jetzt heißt es Schuhe und Sportjacke ausziehen, ebenso die Mütze, denn das wird geröntgt, und ich selbst gehe durch einen Metalldetekrorrahmen.
Der Weg zum Besuchsraum
Es geht aus dem Torwachengebäude über einen schneebedeckten Vorplatz in das Haupthaus, einen langen, langen Flur entlang. Der so lang ist, das hie und dort Tretroller stehen, die offenbar dem Personal ermöglichen sollen, die Entfernungen schneller zu bewältigen. An den Wänden Gemälde, die vermutlich von Inhaftierten gemalt wurden. Durch schmale Lücken in der Wand kann man auf einer Seite zudem auf die Hafthäuser und in die Gefängnishöfe schauen. In einem der Höfe steht ein großer Schneemann, in einem anderen drehen zwei Gefangene ihre Runden.
Dann kommen wir innerhalb des Hauses an einen Pfortenbereich, und der mich eskortierende, sehr sportliche und grimmig dreinschauende Vollzugsbeamte, muss seinen Schlüsselbund wechseln: seinen Bund gibt er ab und bekommt einen anderen. Eine der Sicherheitsmaßnahmen der Anstalt. Selbst wenn also ein Gefangener einen Schlüsselbund in die Hände bekäme, hier an dieser Schleuse, weit entfernt von der Außenschleuse, wäre Schluss.
Plötzlich vor uns, der Zugang zur „Sicherheitsstation“, aber wir biegen vorher links ab, in den Besuchsraum der Sicherheitsstation.
Der Besuchsraum
Ein kahler Raum, auf meiner Seite ein gepolsteter Sitzstuhl, auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe ein Holzstuhl; das ist scheinbar in vielen Gefängnissen so eine subtile Demütigungsstrategie: Bediensteten und Besucher:innen werden gepolsterte Stühle hingestellt, Gefangenen Holzstühle. Auf meiner Seite der Glasscheibe ist ein Mikrofon das ich hin und her schwenken kann, auf der anderen Seite sind nur Löcher in einer Metallplatte, dahinter offenbar das Mikrofon. Der Raum ist hell, nicht nur durch das elektrische Licht, sondern auch weil es eine Milchglasscheibe gibt, durch die Tageslicht einfällt.
An der Wand des Vorraums zum Besuch hängt das Bild einer altägyptischen Totenmaske eines Pharaos- wie passend, denn gleich treffe ich einen Gefangenen der lebendig begraben ist, nicht in einer Pyramide, aber doch auch hinter sehr dicken, steinernen Mauern.
Der Besuch
Herein kommt ein schlanker lachender 70-Jähriger, sehr eloquent, in der typischen Gefängniskleidung, Armbanduhr am Handgelenk und einem Taschentuch (mehr darf er nicht mit den Trennscheibenraum mitnehmen). Eine manierierte Art der Sprache. Er spricht nahezu druckreif, wechselt aber zwischen juristischem und fachpsychologischem Vokabular. Alles wird sofort psychologisch kategorisiert und analysiert. Es wirkt etwas befremdlich, in einem normalen zwischenmenschlichen Kontext, einen Menschen so sprechen zu hören.
Das Bedürfnis, durch Intellektualisierung eine traumatisierende Situation, und 21 Jahre in Isolationshaft festgehalten zu werden, ist unzweifelhaft eine solche, zu bewältigen, erscheint mir offensichtlich.
Wir sprechen kurz über seine Telefoniermöglichkeiten: seit 2023 sind in den Zellen der JVA Oldenburg Telefone montiert und seitdem konnte Bogner jene 10 Telefonnummern die die Anstalt genehmigt hatte, anrufen wann immer er wollte (bzw. Geld auf seinem Konto war). So kam es auch zu dem eingangs erwähnten Interview, denn das führten wir telefonisch. Als die Anstalt das mitbekam, beschränkte sie seine Telefonmöglichkeiten: jetzt darf er nur noch jemanden anrufen, wenn zeitgleich live ein Beamter oder eine Beamtin mithört.
Als er davon erzählt, wirkt er bemerkenswert entspannt, sagt, das sei keine große Sache, er rechne sowieso damit, dass seine Zeit in der Isolation im Verlaufe dieses Jahres ende und er in den Normalvollzug komme. Rechtlich wolle er dagegen nicht vorgehen, er sei kein Streithansel.
Er erzählt von seinem laufenden Wiederaufnahmeverfahren, denn vor rund 20 Jahren wurde er, nach einem spektakulären Ausbruch aus der JVA Lübeck, wegen Mordes verurteilt, beteuert aber bis heute seine Unschuld. Sein Anwalt und er seien guten Mutes, dass neue Gutachten beweisen, dass er niemanden umgebracht habe, sondern sein Freund, den er getötet haben soll, infolge eines natürlichen Todes verstorben sei.
Seit Jahren gehe er nicht mehr in den Gefängnishof, denn tausende Male habe er das entwürdigende Procedere mitgemacht: sich vor und nach dem Hofgang nackt ausziehen und von den Gefängnisbeamten kontrollieren lassend. Das wolle er sich nicht mehr antun, also verzichtet er auf die eine Stunde frische Luft am Tag die ihm eigentlich zusteht.
Die gesamte Besuchsstunde lang, sitzt ein Sicherheitsbeamter der JVA auf seinem Stuhl im Eck und hört zu. Eine auf einer Heizung lehnende Uhr tickt laut vor sich hin.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde. Ich verlasse den Raum und sehe, wie die Sicherheitsbeamten vor der Türe stehen, hinter der Christian Bogner sitzt, um zu warten, bis ich die Station verlassen habe. Erst dann werden sie ihn aus dem Besuchsraum holen.
Der Weg zum Tor
Wir gehen denselben langen Flur zurück, aber jetzt stehen Essenswagen auf den Fluren, es ist gleich Mittagessenzeit. Vorportioniert steht das Essen hier und wartet darauf, auf die Stationen geschoben zu werden, wir gehen an der Knastküche vorbei, die Türe steht offen, ich sehe die Gefangenen, die dort als Küchenarbeiter tätig sind.
Ein Insasse poliert währenddessen den Flur mit dem Blocker, eigentlich „Bohnermaschine“ genannt, kaum eine Haftanstalt, die ohne auskommt, denn die Flurböden müssen glänzen! Wenn schon die Atmosphäre bedrückend ist, das Leben perspektivlos, dann zumindest glänzende Böden!
Drei Schließer:innen stehen herum und klagen sich gegenseitig ihr Leid, wie schwer nämlich ihre Arbeit sei.
Ich schließe meine Sachen aus dem Schrank, ziehe Uhr und Ringe an und gehe hinaus in den kalten Februartag, in Oldenburg. Christian Bogner ist da schon längst wieder in seiner Zelle, seit über 21 Jahren ist die Isolation sein Alltag.
Anmerkung:
Wer sich detaillierter mit dem Thema jahrzehntelanger Isolationshaft beschäftigen, mehr darüber erfahren möchte, auch über Herrn Bogner, der wird fündig in einer aktuellen wissenschaftlichen Arbeit von Hauke Kröger. Er untersuchte im Rahmen seiner Bachelorarbeit mehrere Fälle jahrzehntelanger Isolationshaft, darunter auch den des Herrn Bogner. Eine Rezension, mit Link zur Bachelorarbeit selbst, ist hier zu finden.
Ein Interview mit Hauke Kröger über seine Bachelorarbeit findet sich hier auf der Seite von Radio Dreyeckland.