Solidarität mit Sibel Balaç und Gökhan Yildirim!

  • Erklärung in englischer Übersetzung im Anschluss

Sich auch im Gefängnis nicht brechen zu lassen, auch dort ihre eigene politische und soziale Identität zu wahren, dafür treten Sibel und Gökhan, aber viele andere Genossinnen und Genossen ein.

Auch als Gefangene an jene Menschen zu denken, die außerhalb von Gefängnismauern unter unmenschlichen und unterdrückerischen Bedingungen leben müssen, sich an deren Seite zu stellen, dafür stehen stellvertretend Sibel und Gökhan.

Trotz ihrer eigenen harten und schwierigen Lebenssituation sind Sibel und Gökhan solidarisch mit den Menschen. Beide kämpfen weiterhin, auch mit Härte gegen sich selbst, für eine bessere, eine freiere Welt. In der deutschen Sprache leitet sich „Freiheit“ sprachgeschichtlich von „bei Freunden sein; hegen, pflegen“ ab. Das weist auch den Weg, den wir alle gemeinsam zu gehen haben, denn erst eine Welt in der wirklich alle Menschen miteinander „befreundet“ sind, können alle auch „frei“ sein. Es ist ein steiniger, ein schmerzvoller und entbehrungsreicher Weg. Darauf weist uns auch der Kampf von Sibel und Gökhan hin. Aber wir müssen ihn gehen, sonst werden künftige Generationen auf uns zurück schauen und sich abwenden vor Zorn und Scham.

Herzschlagende und solidarische Grüße aus Freiburg!

Thomas Meyer-Falk

JVA c/o Sicherungsverwahrung

Hermann Herder Str.8

79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

Anmerkung:

Die Gefangenen Sibel Balaç und Gökhan Yildirim befinden sich seit dem 19. bzw. seit dem 25.Dezember im Todesfasten.

Beide kämpfen gegen die Unterdrückung der Bevölkerung und der politischen Gefangenen in der Türkei.

Am 16.April werden Gefangene in Europa aufgefordert, für in einen Tag z.B in einen

Solidaritätshungerstreik zu treten.

Weitere Infos: http://political-prisoners.net

Thomas befindet sich seit 1996 im Knast und seit 2013 in Sicherungsverwahrung.

Text in englisch:
https://anti-imperialistfront.org/2022/04/16/thomas-mayer-falk-message-solidarity-with-sibel-balac-and-gokhan-yildirim/

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Radiobeiträge bei Ausbruch – die Antirepressionswelle

aktuelle Meldungen aus der JVA Freiburg und ein Beitrag zu Rechtsschutzmöglichkeiten gegen Maßnahmen der Anstalt für Gefangene

https://rdl.de/beitrag/rechtschutz-f-r-gefangene-im-knast

https://rdl.de/beitrag/zur-anstehenden-sicherungsverwahrungspr-fung-und-dem-k-rzlich-abgelehnten

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Radiointerview zum 18. März und anderen Themen

Hier das Radiointerview mit „Wieviele sind hinter Gittern“ zu:

Bilanz zu Sicherungsverwahrung, den erhöhten Telefonkosten im Knast und zum 18. März, den Tag für die Freiheit für alle politischen Gefangenen.

https://www.freie-radios.net/114392

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Knast-Sonderausgabe des ‘DreckSack‘

Nunmehr im 13. Jahrgang erscheint in Berlin der ‘DreckSack‘, die, laut Untertitel, `Lesbare Zeitschrift für Literatur´, in der zeitgenössische Autorinnen und Autoren Kurzgeschichten und Gedichte dem Lesepublikum vorstellen. Die meist fünf mal im Jahr erscheinende Zeitschrift ist nun mit Heft 2/2022 eine `Sondernummer Knast´ ein Wagnis eingegangen: wird die LeserInnenschaft dies goutieren?

Auf 20 Seiten

Florian Günther, der Herausgeber des ‘DreckSack‘ hatte zuletzt 2020 eine Sonderausgabe, damals zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, publiziert, welche beim Publikum hervorragend ankam.

Diesmal werden auf 20 Seiten Einblicke in die dunklen Ecken dieser Gesellschaft gewährt, ohne jedoch in Betroffenheit abzusaufen. So kommt Professor Dr. Feest, Nestor der Strafvollzugsforschung in Deutschland und über die Grenzen hinaus in einem Interview ebenso zu Wort, wie ein Berliner Bulle (so nennt er sich selbst), oder ein Professor der Polizeihochschule Brandenburg. Feest zeigt all die schädlichen Folgen von Haft auf und verweist auf das ‘Manifest zur Abschaffung von Strafanstalten und anderen Gefängnissen‘. Sein Kollege aus Brandenburg, Prof. Alleweldt, früher bei amnesty international aktiv, arbeitet menschenrechtlichen Perspektiven der von den Nationalsozialisten 1933 eingeführten Sicherungsverwahrung heraus. Diese Perspektive wird ergänzt um einen Text von 1928! Als sich nämlich Kurt Tucholsky gegen die schon damals diskutierte Einführung der SV aussprach (mit vielen zeitlos aktuellen Seitenhieben auf die SPD).

Ich heisse Carmen

Drei Seiten lang, wenn es um Knast geht dürfen und sollen Stimmen aus den Gefängnissen nicht fehlen, nimmt uns die 55-jährige, zur Zeit in Schwäbisch-Gmünd in SV sitzende Carmen mit in ihr Leben, ihre Welt. Sie erzählt aus ihrer Kindheit und Jugend, vor allem über das schier endlos anmutende Leben in Haft und nun auch in der SV, als eine von nur zwei Frauen bundesweit die in der SV sitzen.

Stimmen aus dem Frauenvollzug sind rar; um so wichtiger erscheint mir dieser Text von ihr.

Knast als Volksuniversität

Es findet sich ferner ein Auszug aus der Autobiografie des Berliner Haschrebellen und 2.Juni Gründungsmitglieds Norbert Kröcher, der 1977 im Knast gelandet war und sich 2016 erschossen hatte. Es wird deutlich wie um die eigene Würde im Knast gekämpft wurde, werden musste und heute noch muss.

Die Photos

Wesentlicher Bestandteil des ‘DreckSack‘ sind die wunderbaren, mitunter auch irritierenden, verstörenden Fotografien zeitgenössischer Fotografinnen und Fotografen. Dieses Mal sind es Aufnahmen von Dietmar Bührer, die er zwischen 1990 und 2005 in der JVA Berlin-Tegel fertigte und die, wenn leere Flure abgelichtet werden, die Leere und Trostlosigkeit illustrieren. Erst wenn die Zellen zu sehen sind, wird, auch wenn nirgend Menschen abgebildet sind, das Leben zumindest ahnbar.

Resümee

Dieser Sonderausgabe ist zu wünschen, dass sie in der vertrauten LeserInnenschaft und darüber hinaus Anklang finden wird, denn sie gibt einen authentischen Einblick in die Gegenwart des bundesdeutschen Vollzugs, in theoretischer und in praktischer Hinsicht. Wer sich fragt, wo bleiben denn die Tatopfer? Mit ‘Ewa‘, einem Gedicht des Herausgebers, wird einer ermordeten Berliner Künstlerin gedacht, die Erinnerung an sie wach gehalten!

Bezugsquelle

Edition Lükk Nösens

https://www.edition-luekk-noesens.de

Preis: 4,50 Euro zzgl. Porto

ISSN: 2195-4410 (zur Bestellung im Buchhandel)

Rezensent:

Thomas Meyer-Falk, Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg

https://freedomforthomas.wordpress.com

Transparenzhinweis:

Der Rezensent kommt im ‘DreckSack‘ regelmäßig im Rahmen einer Kolumne zu Wort. In der Sonderausgabe in Form eines Interviews “26 Jahre und kein Ende in Sicht“.

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Wie die JVA Freiburg sich einen Vollzugsplan denkt!

Im bundesdeutschen Strafvollzug gibt es seit Jahrzehnten sogenannte „Vollzugspläne“ (VP), in welchen die Entwicklung von InsassInnen festgehalten und die nächsten Schritte geplant werden. Wie sieht das mal ganz konkret in einem Einzelfall aus?

Durchführung und Teilnehmende der VP-Konferenzen

Im Bereich der Sicherungsverwahrung finden alle sechs Monate sogenannte VPK statt. In meinem Fall trafen sich am 27.01.2022 unter Vorsitz des Sozialarbeiters S., der Anstaltspsychologe M., der Stationsbeamte S. und Herrn V., ein Mitarbeiter des Vollzuglichen Arbeitswesens. Ich selbst hätte teilnehmen können, verzichtete jedoch darauf. In der Regel sitzt man dann zusammen und diskutiert die zurückliegenden Entwicklungen und die Aussichten für die kommenden Monate. Bedingt durch die Pandemie wurden die Konferenzen weitestgehend auf Videoformat umgestellt.

Der Aufbau eines VP

Auf immerhin 14 Seiten werden die Anträge der InsassInnen dargestellt, ebenso psychiatrische Diagnosen, indizierte Behandlungsprogramme, erforderliche Maßnahmen zur Förderung der Behandlungsmotivation, Arbeitszuweisung, Maßnahmen zur Gestaltung der Freizeit, zur Ordnung der finanziellen Verhältnisse und schließlich „Vollzugsöffnende Maßnahmen“, wie Ausführungen, Ausgänge, Urlaub.

So wird unter „Allgemeine Angaben“ zum Beispiel textbausteinartig dargestellt, welche Angebote pandemiebedingt nicht gemacht werden konnten (z.B. reguläre Besuche, Ausführungen, Freizeitgruppen). Erwähnt wird auch, dass ich mich angepasst verhalten würde, „lockere Kontakte“ zu Mituntergebrachten pflegte und regelmäßig in den Hof ginge. Gegenüber dem Personal würde ich mich „interessiert und distanziert höflich“ geben. Die Stationsküche würde ich „zum Zubereiten von Mahlzeiten“ nutzen und im Gemeinschaftsraum Zeitung lesen. Zudem würde ich mich immer wieder schriftlich beschweren.

Psychiatrisch liege eine „dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung“ vor. Es sei die Teilnahme am Behandlungsprogramm Gewalttäter ebenso indiziert, wie an Kunst- und Bewegungstherapie, auch sei eine Einzelpsychotherapie erforderlich. Angeraten sei auch die Absolvierung des „Sozialen Kompetenztrainings“, da mir selbst „basale soziale Kompetenzen“ fehlen würden.

Hinsichtlich der beantragten Verlegung nach Bautzen (Sachsen) wird dargestellt, dass aktuell auf eine Neubescheidung durch das sächsische Justizministerium gewartet werde, nachdem ich gegen die 2021 von dort erklärte Ablehnung meiner Übernahme erfolgreich vor dem OLG Dresden geklagt hatte.

Mangels „Einblick in (meine) Kontakte“ könne die Anstalt nicht einschätzen „inwiefern die einzelnen Kontakte für (mich) wichtig sind und förderlich sein könnten“.

Vollzugsöffnende Maßnahmen

Die umfangreichsten Erwägungen finden sich in diesem Unterpunkt. Zuvörderst wird festgehalten, dass mir die vier vom Gesetz vorgesehenen bewachten Ausführungen weiterhin zustünden – aber mehr auch nicht. Insbesondere komme eine pauschale Erhöhung der Anzahl der Ausführungen ebenso wenig in Betracht, wie eine von mir beantragte Verlegung in den Offenen Vollzug.

Zu der Zahl der Ausführungen: trotz der langen Haftstrafe (ich hatte vor Antritt der SV immerhin 16 Jahre 9 Monate Freiheitsstrafe abgesessen) und nun fast neun Jahre in SV könne bei meinen Ausführungen „immer wieder festgestellt werden, dass er sich seine Lebenstüchtigkeit bislang durchaus bewahren konnte. Er regelt seine Angelegenheiten selbstständig sowie strukturiert und ohne Auffälligkeiten“.

Was die Verlegung in den Offenen Vollzug betrifft: es bestehe Fluchtgefahr, da nach wie vor keine Entlassperspektive vorliege. Die „gepflegten Außenkontakte sind bezüglich der sozialen Integrationsfähigkeit als nichtaussagekräftig zu beurteilen, da sie größtenteils aus der Distanz gepflegt werden“. Zudem würde ich „dem Behandlungsteam bislang keinen Einblick in wichtige Kontakte“ gewähren. Zudem habe man einen Blogeintrag vom 01.01.2014 (!) gefunden, dort hätte ich mich zum-Untertauchen der damals aus der nachträglichen Sicherungsverwahrung entlassenen Carmen F. eingelassen. Ich hätte dort geschrieben, dass einem die Freiheit nicht gegeben werde, sondern man sie sich nehmen müsse.

Dies belege, so die Konferenzteilnehmer, den Verdacht der Fluchtgefahr auf frappierende Weise. Zum einen, weil sich der Text nach wie vor auf dem Blog finde, weshalb man davon ausgehen müsse, dass ich die dort zum Ausdruck kommende Haltung nach wie vor vertreten würde, zum anderen gebe es immer wieder Solidaritätsbekundungen u.a. im Rahmen von Kundgebungen vor der JVA nebst finanziellen Zuwendungen, weshalb in Verbindung mit der nicht vorhandenen Entlassperspektive von einem „natürlichen Anreiz zur Flucht“ ausgegangen werden müsse.

Außerdem bestehe Missbrauchsgefahr, da ich mich nicht auf eine Therapie einlassen würde und zudem der Anstalt keine „authentischen Einblicke in (die) innere Gedankenwelt (…) gewähren“ würde, weshalb eine „ausreichende Abschätzung der Gefährlichkeit weiterhin nicht möglich“ sei. Die „hermetische Abriegelung der inneren Gedankenwelt“, nebst der „demonstrierten Höflichkeit und Freundlichkeit“ dürften dabei keinesfalls als „Anzeichen gewertet werden, dass er keine aggressiven Wünsche mehr habe“. Es sei daher zu befürchten, dass ich weiterführende Vollzugslockerungen „zur Begehung von Straftaten missbrauchen“ würde.

Ausblick

Geht es nach diesem vollzuglichen Dokument, werde ich wohl weiterhin die Welt primär durch die Gitterstäbe der Gefängniszelle sehen. Es fällt ins Auge, dass prosoziales Verhalten im Grunde gar nicht thematisiert wird, denn solange es das Vollzugspersonal nicht dokumentiert, gilt es als nicht vorhanden. Wenn man aber gar nicht mehr umhin kommt sozial adäquates Verhalten zu konstatieren, wird dieses tendenziell negativ bewertet. Einerseits wird behauptet keine Aussagen über die innere Erlebniswelt und Einstellung treffen zu können, weil der Proband seine innere Gedankenwelt hermetisch abriegele, um dann andererseits fröhlich vor sich hin zu spekulieren über etwaige Flucht- und Missbrauchsgefahren, und dies unter Rückgriff auf Solidaritätsveranstaltungen, sowie einen Artikel von vor acht Jahren zum kurzfristigen Untertauchen von Carmen. Letztlich ergeht es aber nicht nur Sicherungsverwahrten so, sondern auch vielen Gefangenen in Strafhaft, insofern steht die Praxis der. Freiburger Haftanstalt pars pro toto für jene der Vollzugsanstalten bundesweit.

Thomas Meyer-Falk

z. Zt. JVA (SV),

Hermann-Herder-Str. 8

D-79104 Freiburg

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Sicherungsverwahrung – Haft ohne Horizont

Seit 2013 berichte ich aus dem Alltag der im südbadischen gelegenen Abteilung Sicherungsverwahrung der JVA Freiburg.

Was mir von Anfang an auffiel war die bei vielen Insassen mit Händen zu greifende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Zwar herrschte zu Anfang noch eine gewisse Aufbruchsstimmung in Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts von 2011, welches den Gesetzgeber aufforderte, die Sicherungsverwahrung neu auszurichten.

Nach wenigen Jahren waren Eifer und Bemühungen staatlicherseits merklich zurückgegangen, und zuletzt hat die Pandemie das ihrige zu einem Quasi-Stillstand beigetragen. Wie viele Insassen meinen, zu einer immer offener zur Schau getragenen Verwahrung, anstatt möglichst zügig eine Entlassreife zu ermöglichen.

Auch wenn der Aufsatz des damals noch in der JVA Werl (NRW) tätigen evangelischen Anstaltsseelsorgers Tillmanns schon 2021 erscheinen ist (https://gefaengnisseelsorge.net/haft-ohne-horizont-sterben-in-sicherungsverwahrung), möchte ich ihn allen Interessierten zur Lektüre empfehlen, denn dort kommt mal nicht ein Insasse zu Wort, sondern ein Mitarbeiter der Anstalt schildert seine Wahrnehmung der Vollzugswirklichkeit in der SV. Letztlich bestätigt er umfassend die von Betroffenen geltend gemachten Haftumstände, sowie die tiefgreifende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Wenn wir annehmen wollen, das Hoffnung Menschen weit macht statt sie zu verengen, wenn wir weiterhin zugestehen, dass Hoffnung als Bedingung jedes Handelns zu begreifen ist, da es voraussetzt, etwas ausrichten zu können, erweisen sich die Abteilungen für Sicherungsverwahrung als Orte der Hoffnungslosigkeit und Wartesaale auf den Tod.

Thomas Meyer-Falk, z. Zt. JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg

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„Gerechtigkeit“ a la Knast: mickrige Einkommen – dafür aber üppige Telefontarife!

Kürzlich berichtete eine Wochenzeitung, die als Beilage zur taz erscheint, über die finanzielle Situation hinter Gittern (1.) und dazu passend veröffentlichte die Firma Gerdes Communications GmbH vor ein paar Tagen die aktuellen Tarife für die Knasttelefone (2.).

  1. Arbeiten hinter Gittern

    Am 05.01.2022 erschien in der Kontextwochenzeitung der Artikel „Arbeiten hinter Gittern: Spitzengehalt 2,47 Euro“ von Thomas Rahmann
    (https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/562/spitzengehalt-247-euro-7934.html), in welchem die strukturellen, aber insbesondere auch pandemiebedingten finanziellen Probleme für Inhaftierte herausgearbeitet wurden, dabei erwies sich die Situation in baden-württembergischen Gefängnissen im Ländervergleich als besonders schäbig. Wer sich den Artikel von Rahmann durchliest und dann in Beziehung zu den gleich noch zu schildernden Telefonkosten setzt, weiß, wohin die spärlichen Einkünfte der Inhaftierten unter anderem fließen.

  2. Telefontarife der Firma Gerdes Communications GmbH im Justizvollzug

    Mit Ausnahme Bayerns haben Gefangene weitestgehend ein Anrecht auf Telefonie, bzw. ermöglichen die Haftanstalten die Nutzung von Telefonanlagen von Dienstleistern, welche die Justizverwaltungen entsprechend beauftragt haben.

    In Baden-Württemberg ist seit einigen Jahren die Firma Gerdes Communications GmbH (https://gerdescom.de) aktiv und informierte vor wenigen Tagen über ihre aktuellen Tarife. Abgerechnet wird jeweils im 10-Minutentakt. Wer also nur einen Anrufbeantworter erreicht und 2 Minuten telefoniert, zahl genauso viel, als hätte sie/er 10 Minuten gesprochen.

    Für Ortsgespräche innerhalb der BRD fallen 0,21 € an, für Ferngespräche schon 0,31 €. Erheblich billiger sind da Telefonate innerhalb Europas: hier fallen 0,0105 € für 10 Minuten an, es sei denn, jemand muss nach Osteuropa telefonieren, hierfür will die Firma 0,0525 €. Menschen, die in die übrige Welt anrufen, sie werden mit 0,1050 € zur Kasse gebeten. Soweit so schlecht, denn wer die Centbeträge kennt, die vor den Mauern für Orts-/ und Ferngespräche verlangt werden, findet die Preise, die von den Inhaftierten durch die Firma Gerdes Communications Gmbh abverlangt werden, möglicherweise doch, sagen wir mal „ambitioniert“.

    Mittlerweile verfügen viele Menschen aber nicht mehr über Festnetzanschlüsse und bei den genannten Tarifen handelt es sich um jene, die auf solchen Anschlüssen auflaufen. Wer hingegen Mobiltelefone anrufen möchte oder muss, hat erheblich mehr zu bezahlen. So fallen innerhalb der BRD bei Anrufen auf Mobiltelefonen 0,63 € pro 10 Minuten an. Wer außerhalb der bundesdeutschen Grenzen ein Gerät anwählt zahlt 5,25 €. Hierbei handelt es sich nicht um einen Schreibfehler. In Worten: Fünf Euro und fünfundzwanzig Cent für 10 Minuten. Wer nur einen AB erreicht, ist also dafür auch sogleich 5,25 € los. Diese Preisgestaltung bringt alle jene Inhaftierten, die mit Angehörigen und FreundInnen im Ausland in Kontakt bleiben möchten, nicht nur um den Großteil ihrer bescheidenen Einkünfte, sondern auch fast um den Verstand.

Thomas Meyer-Falk

z.Zt. JVA (SV)

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Buchbesprechung – Willkommen in der Schweiz? Ein Erzählband von A.M.Güvenli

Anthropologische Wesensmerkmale auszumachen ist ein schwieriges Unterfangen, aber der Mensch als soziales Wesen bedarf Beziehungen in existentieller Weise.
Als Ungeborenes im Mutterleib ist es geborgen, nach der Geburt ist der Mensch nur in einem sozialen Kontext körperlich und erst recht seelisch überlebensfähig.
Bezogenheit auf andere Menschen erscheint also zumindest als ein Wesensmerkmal (auch wenn es der Mensch nicht exklusiv inne hat).
Wie ergeht es Menschen, die das Land, in welchem sie geboren wurden, verlassen, um in einem Staat Fuß zu fassen, zumal in einem oft so engem wie dem der Schweiz?

Vor kurzem erschien dort im „Verlag auf dem Ruffel“ das Buch von Asiye Müjgan Güvenli:
„Wie ich mich (nicht) integrierte – Flüchtigkeitsfehler“.
Es ist das zweite in deutscher Sprache erschienene Buch der 1957 in der Türkei geborenen Autorin.
In ihrem ersten Buch, „Gelächter, das die Mauern überwindet“, erzählte sie in kleinen Geschichten aus dem Gefängnisleben in der Türkei.
Mit dem nun publizierten Erzählband tauchen wir ein in den schweizerischen Lebensalltag der Autorin, wobei die teils sehr persönlichen Erlebnisse, von denen Güvenli berichtet, sich ohne weiteres auch in Deutschland oder Österreich genau so zugetragen haben könnten.
Teils berichtet sie eigene Erlebnisse, teils die von Bekannten, wie sie im Vorwort erläutert.

Wie es sich anfühlt als „fremd“ klassifiziert zu werden, wird in jeder der fast 30 Erzählungen schmerzlich spürbar.
Die ewige Frage nach dem „Wo kommen Sie her?“ (S. 15 ff) verbunden mit dem Hinweis „Sie sprechen aber gut deutsch“, wobei, so die Autorin, nie jemand sage, sie würde es sehr gut sprechen – immer nur „gut“.

Die LeserInnen sind mit dabei, wenn eine Schweizerin eine Mitbewohnerin sucht und stillschweigend unterstellt, diese sei sicherlich Muslima, schließlich kommt sie doch aus der Türkei, deshalb „halal“-Produkte einkauft und peinlich berührt zu sein scheint, als sich die neue Mitbewohnerin als Atheistin zu erkennen gibt – und zwar eine, die auch Schweinefleisch esse.
Nur um ihr dann zu erklären, wie man einen Holzlöffel korrekt nutze und was es mit dem Dampfkochtopf auf sich habe, denn so etwas werde man in der Türkei ja kaum kennen (S. 37 ff).

Wir erfahren, was passieren kann, wenn eine „Ärztin aus der dritten Welt“, die in einem Suchtzentrum arbeitet, sich erdreistet, statt arabischen Spezialitäten zum Frühstück für die Teamsitzung einfach nur Chips, Obst und Cake mitzubringen (S. 63).
Und auch der berüchtigte Topos von „Wir sind hier nicht in Afrika, sondern in Europa“ (S. 79 ff) begegnet uns.
Alles sehr dichte Geschichten und, ich komme darauf zurück, schmerzhaft zu lesen.

In einem Nachwort apostrophiert der Ethnologe und Judaist Jaeggi den Erzählband als ein „humoristisches Plädoyer für eine rebellische Integration“.
Sicherlich gibt es unterschiedliche Auffassungen von Humor, aber „humoristisch“ fühlte sich die Lektüre nicht an.
Verglichen mit dem eingangs erwähnten ersten Buch Güvenlis, in welchem sie auch eigene Gefängniserlebnisse verarbeitet und dort die Kraft des Lachens herausgearbeitet hatte, mit welcher die inhaftierten Frauen in der Türkei auf die Brutalität des Militärs und jener der Gefängnisbediensteten im Kollektiv und mit Solidarität antworteten, empfinde ich ihr neues Buch als schmerzbeladener.
Gerade, weil ihr und denjenigen, deren Geschichten sie erzählt, in der Schweiz nicht mit offener physischer Gewalt begegnet wurde, sondern mit dem Gestus der angeblich aufgeklärten, sich selbst oftmals als links und progressiv verstehenden „Einheimischen“, nicht selten auch dem „gut gemeintem“ Interesse.
Dabei aber rassistische Sterotype perpetuierend, daherkommend als „Flüchtigkeitsfehler“, wie auch der Untertitel des Buches lautet.
Diese kommen, wie sie Güvenli schildert, oftmals im Gewande dessen einher, was wir heute als „Mikroaggression“ bezeichnen.
Diesen über Jahre und Jahrzehnte ausgesetzt zu sein, als Mieterin, als Arbeitskollegin, Bekannte, Freundin, Mitfahrende im Zug oder im Bus, an jedem nur denkbaren Ort, wo Menschen einander begegnen, kann sodann tiefer wirken, tiefer verletzen, als es offen feindselige Brutalität seitens Gefängnispersonals vermag.
All das ändert aber nichts an den ständigen Bemühungen, doch irgendwie „dazu zu gehören“ und trotz allem die eigene Identität zu beschützen und an bestimmten Punkten auch die Integration zu verweigern.


Bibliografische Angaben zu dem rezensierten Buch:

Autorin: Asiye Müjgan Güvenli
Titel: „Wie ich mich (nicht) integrierte – Flüchtigkeitsfehler“
Seiten: 99
Verlag: Verlag auf dem Ruffel (Schweiz)
ISBN: 978-3-933847-63-8
Preis: 25 CHF


Rezensent:

Thomas Meyer-Falk
z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV)
Hermann-Herder- Straße 8
D-79104 Freiburg
Deutschland
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